TOKYO — BUNKYŌ, ÜBUNGSHALLE DER KUROKAWA, DONNERSTAG, 05:40
Das Holzschwert trifft mich unter der linken Rippe, und ich höre es, bevor ich es spüre: ein trockener Laut, als legte jemand ein Brett auf Stein. Dann kommt keine Luft mehr. Ich gehe auf ein Knie, weil der Körper das entscheidet, nicht ich.
Mein Onkel senkt das Bokken. Er ist zweiundsechzig, sein Haar ist kurz und vollständig grau, und er bewegt sich, als hätte ihm nie jemand gesagt, dass Knie altern. Er hat mich seit vierzehn Jahren nicht mehr getroffen.
„Du hast nicht geschlafen", sagt Isamu.
Ich atme. Einmal flach, einmal tief. Die Halle riecht nach gewachstem Holz und nach dem Reis, den jemand in der Küche hinter der Schiebetür aufsetzt. Durch die Papierfenster kommt das erste Grau.
„Ich schlafe selten."
„Du schläfst immer. Vier Stunden, auf der rechten Seite, das Gesicht zur Tür. Damit hast du mit neun angefangen." Er zieht mich an der Hand hoch, und für einen Augenblick ist er nicht der Mann, den der Rat schickt, wenn eine Regel durchgesetzt werden muss, sondern der Onkel, der mir mit sechs gezeigt hat, wie man eine Libelle fängt, ohne ihr die Flügel zu brechen.
Ich habe ihm nichts von dem Video gesagt. Ich habe niemandem davon erzählt. Wer das Bild aufgenommen hat, stand vor zehn Jahren in diesem Raum, und mein Onkel stand auch dort. Links von der Kerze. Ich habe es mir in der Nacht vierzigmal angesehen.
Wir verbeugen uns und legen die Schwerter auf das Gestell. Erst dann sagt er, warum er mich um diese Zeit herbestellt hat.
„Okabe."
Ich ziehe den Gürtel enger. „Was ist mit Okabe?"
„Ihr seid vor drei Wochen zusammen gesehen worden. Vor seiner Bar. Gegenüber steht ein Getränkeautomat mit einer Kamera, die einer Firma in Osaka meldet, wann er nachgefüllt werden muss. Die Firma verkauft ihre Daten weiter." Er nennt den Namen nicht. Im Clan sagt man der Spiegel, wie man von einem Geist spricht, den man nicht ruft. „Du bist auf dem Bild unscharf. Er nicht."
„Er weiß nichts über uns."
„Er weiß, dass es dich gibt. Wer mit dir gesehen wird, ist ein Faden, und an Fäden kann man ziehen." Isamu wickelt die Bandage von seinem Handgelenk, Lage um Lage. „Der Rat hat beschlossen, den Faden abzuschneiden. Heute Nacht, nach Ladenschluss."
„Wer?"
„Nicht du."
So arbeitet der Rat. Er fragt nicht, er teilt mit. Wenn er mitteilt, ist es geschehen, auch wenn es noch nicht geschehen ist.
„Und wenn ich ihn warne?"
Mein Onkel hört auf zu wickeln. „Dann müsste ich dich fragen, wer du bist, wenn du nicht mehr Kurokawa bist. Ich will dir diese Frage nicht stellen, Saya. Ich habe dir als Kind schon genug Fragen gestellt."
Ich weiß, welche er meint. Ich war neun, es war Winter, und ich war an der Mauer hinter dem Haus in Kyoto zum dritten Mal abgerutscht. Er stand unten im Schnee und sagte: Wenn du noch einmal fällst, isst dein Bruder heute nichts. Hikaru war vier. Ich bin nicht noch einmal gefallen. Ich bin nie wieder gefallen.
Hikaru hat an dem Abend trotzdem gegessen. Ich habe an der Küchentür gestanden und seine Bissen gezählt.
Ich verbeuge mich und gehe. Unter der Bluse pocht die Rippe, und am Mittag wird dort ein Bluterguss sein, so groß wie eine Pflaume. Isamu hat mich an der Stelle getroffen, die beide meiner Leben benutzen. Den obersten Knopf der Seidenbluse lasse ich heute offen. Wer auf den Ausschnitt sieht, sieht nicht, wie flach ich atme.
TOKYO — MEINE WOHNUNG, NAKAMEGURO, 07:15
Bevor ich heute um halb fünf aus dem Haus gegangen bin, habe ich drei Dinge zurückgelassen, die nur bemerkt, wer sie sucht. Ein Haar quer über dem Spalt der Schranktür im Flur. Eine Prise Reismehl auf der zweiten Diele hinter der Wohnungstür, auf die man treten muss, wenn man nicht springt. Und die Teedose, deren Etikett exakt auf die Kante des Regalbretts zeigte, so wie ich sie zurückgestellt hatte, nachdem das Telefon still war.
Das Haar ist da. Das Mehl ist unberührt.
Die Teedose steht vier Millimeter weiter links.
Ich messe es mit dem Lineal aus der Schreibtischschublade, zweimal. Vier Millimeter. Jemand war hier, in den knapp drei Stunden, in denen ich in Bunkyō war. Das Mehl ist unberührt, also ist er über die zweite Diele gesprungen. Wer weiß, dass man dort springen muss, kennt mich. Das Haar liegt noch, der Schrank hat ihn nicht interessiert. Er wollte die Dose und das Telefon darin. Beim Zurückstellen hat er sich um vier Millimeter vertan. Wann er zum ersten Mal hier war, um es einzuschalten, weiß ich nicht. Ich habe die Dose wochenlang nicht angesehen. Es könnte jede Nacht gewesen sein.
Eine KI springt nicht über Dielen. Eine KI braucht Hände.
Ich setze mich auf den Boden. Mein einziger Ort ohne Maske, und jemand hat hier gestanden. Vielleicht, als ich nicht da war. Vielleicht, als ich vier Stunden auf der rechten Seite lag, das Gesicht zur Tür.
Ich entscheide, nicht darüber nachzudenken, und denke den ganzen Vormittag an nichts anderes.
TOKYO — EIN CAFÉ IN GINZA, 12:20
Über der Theke läuft die Mittagssendung, ohne Ton, mit Untertiteln. Ich esse ein Sandwich mit Eiersalat, weil Emiko darauf besteht, dass ich mittags esse, und weil man in einem Café mit einem Sandwich in der Hand unsichtbar ist.
Ein Bericht aus Ikebukuro. Ein Immobilienbüro, dessen Besitzer seit Jahren alte Mieter aus seinen Häusern drängt, mit kaputten Heizungen und wochenlang abgestelltem Wasser. In der Nacht hat jemand sämtliche Fenster des Büros von außen schwarz gestrichen, mit Dachfarbe, die nicht abgeht. Auf der Glastür ein einziges Zeichen, mit dem Pinsel gezogen: 木. Baum.
Dann das Bild einer Überwachungskamera, grob und grünstichig. Drei Gestalten in schwarzen Anzügen, Kapuzen, Tücher vor den Gesichtern. Eine dreht sich zur Kamera und verbeugt sich.
Die Moderatorin lacht. Ein Medienprofessor im Studio spricht von einem Kollektiv, von Cosplay, von Protest als Kostümfest. Der Untertitel schreibt: Ninja-Aktivisten?
Sie haben sich verbeugt. Wer nicht gesehen werden will, verbeugt sich nicht vor einer Kamera. Jedes Kind in diesem Land weiß, wie ein Ninja aussieht, und jeder Erwachsene weiß, dass es so etwas nicht gibt. Wer sich so anzieht, wird gesehen und nicht geglaubt. Er wird zur Pointe in einer Mittagssendung.
Ich kenne die drei nicht. Ich kenne nur den Wind, nach dem sie sich nennen, den kalten, der im späten Herbst die letzten Blätter holt. Im Clan heißt es, sie hätten keine Ehre, weil sie keine Ordnung haben. Sie sagen über uns, unser Abkommen schütze Leute, die alten Menschen das Wasser abdrehen.
Ich bezahle bar.

TOKYO — GOLDEN GAI, BAR KANARIA, 22:40
Golden Gai sind sechs schmale Gassen und zweihundert Bars, jede so groß wie ein Wohnzimmer. Okabes Bar hat sechs Hocker und eine Theke aus einem einzigen Stück Zedernholz, das er angeblich einem Tempel in Nara abgekauft hat, bevor man ihn abriss. Über dem Tresen hängt ein Vogelkäfig ohne Vogel.
Ich habe den ganzen Tag gewartet, weil ich nicht anrufen kann. Sein Telefon ist der Faden, über den man ihn gefunden hat, und jeder Anruf von mir wäre ein zweiter. Also komme ich, wenn er aufschließt, über die Hintertreppe, die nach Urin und Pflaumenschnaps riecht.
Okabe poliert ein Glas. Er ist so alt wie mein Onkel, aber er sieht aus, als hätte er jedes Jahr zweimal gelebt. Früher hat er die Bücher für eine Familie in Shinjuku geführt, die keine Bücher führen durfte. Seit fünfzehn Jahren verkauft er Whisky und hört zu. Er hat mir in dieser Zeit elf Namen gegeben, und für jeden habe ich bar bezahlt.
Hinter der Theke zählt eine junge Frau das Wechselgeld in die Kasse. Mitte zwanzig, kurzes Haar, ein Pullover mit Universitätslogo.
„Meine Tochter", sagt Okabe. „Rin. Sie hilft am Wochenende."
„Heute ist Donnerstag."
„Sie hilft, wenn sie Geld braucht." Er lächelt nicht. „Was willst du, Saya-san? Es ist früh für dich."
„Du schließt heute nicht ab", sage ich. „Du gehst in zehn Minuten durch die Hintertür und kommst nicht zurück. Um zwei, wenn du abschließen würdest, steht jemand im Treppenhaus."
„Warum sollte ich?"
„Der junge Mann mit dem kurz geschorenen Haar, der seit Montag jeden Abend um elf einen Oolong-Highball bei dir trinkt", sage ich. „Er sitzt immer auf dem Hocker an der Tür und zahlt mit der linken Hand, obwohl er Rechtshänder ist. Er ist nicht wegen deines Whiskys hier."
Okabe stellt das Glas ab. Ich sehe, wie er sich an den Mann erinnert, an jeden Abend einzeln. Danach fragt er nichts mehr. Er hat zu lange in dieser Welt gelebt, um Fragen zu stellen, deren Antworten Zeit kosten.
Ich lege einen Umschlag auf das Zedernholz und lasse ihn nicht gleich los. Eine Sekunde, vielleicht zwei. Okabe sieht auf meine Finger und dann in mein Gesicht, und ich nehme die Hand weg. Ein Fahrschein nach Kagoshima, ganz im Süden, ein Familienregisterauszug, ein Schlüssel zu einem Zimmer in einer Pension am Hafen. Kein Notar weiß davon und kein Beamter. Diese Identität stammt aus einem Fach hinter dem doppelten Boden meines Schranks, das dem Rat nicht gehört. Ich habe sie vor sechs Jahren angelegt, für den Tag, an dem ich selbst verschwinden muss. Es gibt keine zweite.
„Papa?", sagt Rin. Sie hat aufgehört zu zählen.
Okabe nimmt seinen Ausweis aus der Brieftasche, dann die Versichertenkarte und den Führerschein, und legt alles in den gläsernen Aschenbecher am Ende der Theke. Mit dem Feuerzeug, mit dem er seit fünfzehn Jahren Gästen die Zigaretten anzündet, hält er die Flamme an die Ecke der Karte. Plastik brennt schlecht. Es schmilzt, wirft Blasen, zieht sich zusammen. Das Gesicht auf dem Ausweis wellt sich zu einem Lächeln, das er nie hatte, und wird schwarz.
„Was soll das?", sagt Rin. Sie kommt um die Theke herum. „Papa."
„Ich muss weg, Rin-chan. Eine Weile."
„Wegen ihr?" Jetzt sieht sie mich an, zum ersten Mal richtig, und ich sehe, wie sie mich einordnet: die Frau im dunklen Mantel, die zweimal hier war, an Abenden, nach denen ihr Vater nicht schlafen konnte. „Wer sind Sie?"
Ich sage ihr die Wahrheit, weil jede Lüge jetzt länger dauern würde. „Die, mit der man ihn gesehen hat."
Okabe greift unter die Theke und holt eine flache Blechschachtel hervor, in der früher Pfefferminzbonbons waren. Er nimmt etwas heraus und legt es neben den Umschlag. Einen Papierkranich, kleiner als meine Handfläche, gefaltet aus Druckerpapier. An den Kanten sieht man Zeilen aus Buchstaben und Zahlen.
„Von deinem Bruder", sagt er. „Vor vier Jahren. Er saß, wo du sitzt, hat den Whisky nicht angerührt und das hier aus einem Ausdruck gefaltet. Er hat gesagt: Für meine Schwester. Falls sie je nach mir fragt. Und dass er donnerstags da ist. Jeden Donnerstag." Okabe schiebt den Kranich zu mir. „Du hast nie gefragt."
Es klingt nicht wie ein Vorwurf. Es klingt, wie man sagt, dass es regnet.
Er legt den Schlüssel der Bar neben den Kranich, für Rin, und nimmt den Umschlag. An der Hintertür dreht er sich zu seiner Tochter um. Er sagt nichts. Er sieht sie nur an, sehr lange, wie man sich ein Gesicht einprägt.
Dann ist er weg.
Rin steht neben dem Aschenbecher, in dem ihr Vater noch glimmt. Ich halte ihren Blick, weil ich ihn verdient habe.
„Wenn Sie nie hergekommen wären", sagt sie, „müsste er nicht gehen."
„Ja."
„Er kommt nicht wieder."
Ich stecke den Kranich in die Innentasche, zu der Tsuba, die ich seit gestern nicht mehr aus der Hand gebe. „Nicht als er selbst."
Sie dreht sich um und zählt weiter, die Münzen in Säulen zu je zehn, und ihre Hände zittern so sehr, dass die Säulen umfallen. Sie fängt von vorne an.
Als ich um 22:58 die Hintertreppe hinunterkomme, steht am Ende der Gasse, wo sie auf die Hanazono-Straße trifft, ein Mann unter dem Vordach einer geschlossenen Bar. Schwarzer Mantel, kurz geschorenes Haar, die Hände in den Taschen. Ich kenne ihn. Ich habe ihn zwei Jahre lang ausgebildet, dreimal die Woche.
Er sieht mich an. Dann zieht er ein weißes Taschentuch aus der Manteltasche, faltet es einmal und legt es über das Geländer neben sich, die Kanten parallel. Ich habe ihm dieses Zeichen selbst beigebracht. Weißes Tuch heißt: Auftrag gescheitert, Ursache in den eigenen Reihen. Wer morgen früh durch diese Gasse geht, um nachzusehen, wird es finden. Er verbeugt sich, knapp und korrekt, wie man sich vor einem höheren Rang verbeugt, und geht in die andere Richtung davon.
Morgen früh weiß der Rat, dass ich hier war. Er wird nicht fragen. Er wird es mitteilen.

TOKYO — KEN'ICHIS TAXI, 23:40
„Sie halten sich die Seite", sagt Ken'ichi.
„Ich bin gegen eine Tür gelaufen."
„Bei meiner Frau war es auch immer eine Tür." Er reicht mir eine Packung Taschentücher nach hinten, Werbung einer Zahnarztpraxis, die man an jeder Bahnhofsausfahrt in die Hand gedrückt bekommt. „Sie hat sich beim Gemüseschneiden zweimal fast den Finger abgeschnitten und dann gekocht, als wäre nichts. Ich habe es erst am Geschirr gesehen."
Wir halten an einer roten Ampel, an der um diese Zeit niemand außer uns wartet. Ich nehme den Kranich aus der Tasche. Im roten Licht sehe ich die Zeilen an den Kanten, eine Sprache, die mein Bruder sprach und ich nie lernen wollte. Ich falte ihn nicht auseinander. Unten auf dem Bauch des Vogels, dort, wo man ihn mit dem Finger hält, stehen zwei Zeichen in Kugelschreiber, klein und ordentlich, in der Schrift eines Jungen, der Kalligraphie gehasst hat.
木 23:00
木 für Donnerstag, wie in jedem Kalender. 木 wie auf der schwarzen Glastür in Ikebukuro. Es ist Donnerstag, und es ist 23:40. Wenn er heute dort war, wo immer dort ist, ist er jetzt wieder gegangen.
„Übrigens", sagt Ken'ichi, als die Ampel umspringt. „Am Dienstag hat jemand nach Ihnen gefragt."
Ich bewege mich nicht. Wer getroffen wird, wartet, bis der Körper weiß, wo es wehtut.
„Junger Mann. Runde Brille. Hat an Ihrer Ecke gewartet, vor dem Ramen-Laden, und wusste, dass Sie dort immer einsteigen. Hat gefragt, ob die Dame mit der Seidenbluse noch nachts fährt." Er lacht ein bisschen. „Ich hab gesagt, ich kenne keine Dame mit Seidenbluse. Hat er mir nicht geglaubt. Zehntausend Yen für eine Fahrt nach Akihabara, die dreitausend kostet. Und die Quittung hat er mir dagelassen, zu einem Vogel gefaltet. Liegt noch im Handschuhfach. Wollen Sie sehen?"
Er reicht ihn nach hinten, ohne sich umzudrehen. Ein kleiner Kranich aus Thermopapier, die Flügel ein wenig zu straff, so fest gefaltet, als sollte er nie wieder aufgehen.
Ich halte zwei Kraniche in der Hand. Sie sind nach demselben Muster gefaltet, mit demselben Knick am Hals, der nicht in den Anleitungen steht, den ich ihm beigebracht habe, als er fünf war und ich zehn.
„Ein Verehrer?", fragt Ken'ichi.
„Ein Verehrer", sage ich, und meine Stimme klingt wie die von Kurokawa Saya, wenn sie auf Empfängen über Lackkunst spricht. Ken'ichi lacht und sagt, dann solle der junge Mann sich mehr Mühe geben mit seiner Brille, die habe schief gesessen.
Ich hatte einen Ort ohne Maske. Ein Taxi mit einem Duftbaum, der nach nichts riecht, und einen Mann, der mich Seidenbluse nennt, weil er meinen Namen nicht kennt. Mein Bruder hat sich auf meinen Platz gesetzt, bevor ich wusste, dass ich ihn verteidigen muss, und hat dreimal so viel bezahlt wie nötig. Oder jemand, der falten kann wie er. Ich halte zwei Vögel in der Hand. Sie wiegen nichts.